auch das noch! Als wäre der allgemeine Reparaturbedarf nicht schon groß genug gewesen. Ja, die Warnung, dass Künstliche Intelligenz in wenigen Jahren so selbstständig agieren könnte, dass unser aller Leben davon bedroht wird, hat auch mich erschüttert. Aber ich will optimistisch bleiben. Mit Baustellen kennen wir uns in Berlin schließlich aus. Und vielleicht kann das Herbstprogramm bei Publix auf seine Weise konstruktiv zur aktuellen Situation beitragen.
Deshalb gehört der zentrale Platz unseres Newsletters diesmal einer Rückschau auf den Publix Thursday zum Machtkampf zwischen Europa und Big Tech. Die Menschenrechtlerin Anna-Lena von Hodenberg und die EU-Abgeordnete Alexandra Geese haben nämlich durchaus pragmatische Ideen mitgebracht.
Und gleich heute Abend geht es weiter mit der Einordnung aktueller Brüche: Der Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) ist zu Gast, Phoenix überträgt das Gespräch live auf Youtube und sendet es im TV am 27. September. Kurz darauf kommt die Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) zu uns, um über geopolitische Neuordnungen zu sprechen. Der CEO des dänischen Medienhauses Zetland wird uns erzählen, wie er die Zukunft des digitalen Journalismus positiv gestaltet. Und wir schreiben zum zweiten Mal das Publix-Tech-Fellowship aus, für Journalist:innen, die den Einfluss von Technologie auf Demokratie und Gesellschaft kritisch begleiten wollen.
Lassen Sie uns zusammen ein paar Schlaglöcher beseitigen. Wir sehen uns bei Publix! Ihre Maria Exner
Publix ist eine Initiative der Schöpflin Stiftung mit Unterstützung der Stiftung Mercator Schweiz, der MacArthur Foundation und der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS.
Hat Europa noch eine Chance gegen Big Tech?
Altersgrenzen auf Social Media: ja! Aber man könnte auch einfach mal den Digital Services Act durchsetzen. Am 22. September diskutierten die HateAid-Gründerin Anna-Lena von Hodenberg und die Digitalexpertin Alexandra Geese über Europas Stärke im Kampf gegen die großen Tech-Plattformen.
Durch seine Nähe zur US-Regierung ist Big Tech politisch so mächtig geworden, dass dringende Regulierungen in Europa verschleppt werden. Die Grünen-Europaabgeordnete Alexandra Geese war maßgeblich beteiligt an der Aushandlung des Digital Services Act, der vor zwei Jahren EU-weit in Kraft getreten ist, bisher aber wenig Wirkung entfalten konnte. Anna-Lena von Hodenberg hat die Organisation HateAid mitgegründet und setzt sich für gewaltfreie Kommunikation in digitalen Räumen ein. Ihre Arbeit steht den Interessen der Tech-Plattformen diametral entgegen, weil Polarisierung und Aggression die wesentlichen Reichweitentreiber auf Social Media sind.
Im Gespräch mit der Publix-Intendantin Maria Exner haben die beiden erklärt, was bisher (nicht) geschah, welche Maßnahmen jetzt geboten sind und wie alternative Plattformen und europäische Infrastrukturen finanzierbar wären. Ausgewählte Zitate geben einen Ausblick auf den Mitschnitt des Bühnenabends.
Anna-Lena von Hodenberg: "Wir sind in Europa nicht mehr in der Lage, unsere Gesetze durchzusetzen. Amerikanische Tech-Konzerne müssen sich in Europa nicht an geltendes Recht halten, weil der US-Präsident die Europäische Union bedroht. (…) Dann gilt auch bei uns jetzt das Recht des Stärkeren. Und da müssen wir uns entscheiden: Stehen wir wirklich zur wertebasierten Ordnung? Sind wir eine Demokratie, in dem die Gesetze, die unsere Parlamente verabschieden, für alle gelten, die hier handeln, die hier Geld machen?"
Alexandra Geese: "Man muss verstehen, dass man hier die Demokratie, die Freiheit und die relative Unabhängigkeit unserer Wirtschaft nicht verteidigen können wird, wenn man die Einhaltung dieser digitalen Regeln nicht einfordert. Das ist ganz klar, und deswegen ist Friedrich Merz da eine zentrale Person."
Anna-Lena von Hodenberg: "Es gibt genug Länder auf der Welt, die sich zusammentun und sagen müssten: Wir müssen unsere Wirtschaftskraft bündeln. Wir glauben noch an eine wertebasierte Ordnung. Wir wollen, dass der Rechtsstaat durchgesetzt wird. Wir wollen in unseren Staaten nicht die Demokratie abschaffen. Wir haben verstanden: Wenn wir die sozialen Medien weiterhin so unreguliert lassen, werden hier autoritäre Kräfte an die Macht kommen. Das muss jetzt der Moment sein, sich zusammenzutun und sich mit dieser geballten Wirtschaftskraft den USA und auch Russland entgegenzustellen."
Alexandra Geese: "Wir müssen weiter Druck machen. Es reicht nicht, zu sagen: Ah, jetzt kommt der Kids Act, und vielleicht ändert sich das da alles in den USA. Nein, die andere Seite bereitet sich die ganze Zeit vor. Das sind für uns Momente, in denen wir auf die Straße gehen müssen."
Nach den Landtagswahlen, vor den Reformen: Lars Klingbeil zu Gast bei "unter 3"
"unter 3 – der Phoenix-Politik-Podcast", bei Publix erstmals live vor Publikum: Mit Lars Klingbeil schauen die beiden Hosts auf die zurückliegenden Landtagswahlen und die großen bundes- und parteipolitischen Herausforderungen im Herbst 2026.
Auf dem Panel diskutieren:
Lars Klingbeil, Vizekanzler, Bundesfinanzminister, SPD-Vorsitzender
Sind wir noch zu retten, Reem Alabali Radovan? Das Spitzengespräch von Publix und CORRECTIV
Deutschland steht vor einer Neuvermessung seiner Rolle in der Welt. Die Kriege der Gegenwart, geopolitische Verschiebungen und wachsende Unsicherheit stellen die Frage neu, welche Verantwortung unser Land international übernehmen kann und will. Ein Abend in der Gesprächsreihe Sind wir noch zu retten?, veranstaltet von Publix und dem Medienhaus CORRECTIV.
Auf dem Panel diskutieren: Reem Alabali Radovan, Bundesentwicklungsministerin (SPD) Anette Dowideit, CORRECTIV-Chefredakteurin
Warum KI die Medienkrise nicht lösen wird – und welche Lösungen Journalist:innen finden
Künstliche Intelligenz gilt vielen Medienhäusern als Antwort auf eine Branche unter Druck: schneller produzieren, effizienter arbeiten, Kosten senken, neue Zielgruppen erreichen. Doch kann KI wirklich lösen, was den Journalismus heute herausfordert?
Auf dem Panel diskutieren in englischer Sprache: Tav Klitgaard, CEO des dänischen Medienhauses Zetland Wiebke Loosen, Journalismusforscherin am Hans-Bredow-Institut Moderation: Maria Exner, Publix-Intendantin
Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit dem Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ).
KI verändert den Journalismus, wie er entsteht und wie er agiert. Medienschaffenden stellt sich täglich die Frage, wie sie digitales Material finden, auf Echtheit prüfen und bewerten. Beim AI Monday teilen Journalist:innen und Forscher:innen kurze Impulse und stellen bewährte Methoden und Tools vor. Im Anschluss gibt es Zeit für Austausch und Getränke. Die Veranstaltung bei Publix findet in englischer Sprache statt. Mit dabei: die Publix-Tech-Fellow Sonja Peteranderl und Lea Weinmann, sowie Expert:innen von ai.berlin, AI Nation und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).
Film-Screening: "Tatort Fußball: Missbraucht im eigenen Verein"
Sind sexuelle Übergriffe im Jugendfußball ein strukturelles Problem? Über Jahre hinweg wurden Kinder und Jugendliche in deutschen Vereinen missbraucht – und Verantwortliche haben weggeschaut. Der ZDF-FilmTatort Fußball: Missbraucht im eigenen Verein entstand in Zusammenarbeit der Filmproduktion tell me why und CORRECTIV. Durch den Film führt der Ex-Fußballer und Journalist Jonas Hummels, der mit Betroffenen, Angehörigen und Verantwortlichen aus Vereinen spricht. Hummels, die Regisseurin Marie Böckling und weitere Gäste diskutieren nach der Filmvorführung auf dem Podium.
Buchvorstellung: "Ich bin doch kein Rassist, aber…" von Anette Dowideit
Die einen meiden das Thema aus Angst vor Rassismusvorwürfen. Die anderen überzeichnen Probleme und erheben fragwürdige politische Forderungen. Wie können wir ehrlich und faktenbasiert über Migration sprechen? Darüber schreibt die CORRECTIV-Chefredakteurin Anette Dowideit in ihrem neuen Buch. Bei Publix diskutiert sie mit der Berliner Senatorin Cansel Kiziltepe, dem Psychologen Ahmad Mansour, dem Bundestagsabgeordneten Hakan Demir und Elena Kountidou, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen.
In jeder Ausgabe sprechen wir mit Publix Residents über ihre Arbeit und aktuelle medienpolitische Themen. Diesmal: Wiebke Ewering von More in Common.
Was macht More in Common? Wir erforschen, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Dabei schauen wir durch eine besondere Linse: Wir fragen nach Überzeugungen und Werten der Menschen, statt nach demografischen Merkmalen oder Parteipräferenzen. So können wir tieferliegende Erfahrungen sichtbar machen und Gemeinsamkeiten in polarisierenden Debatten identifizieren. Wir schauen dabei besonders auf Menschen, deren Stimme im öffentlichen Gespräch kaum vorkommt. Ein anderer wichtiger Teil unserer Arbeit ist es, mit Partnern aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Medien wirkungsvolle Ansätze direkt auszuprobieren.
Was bereitet Euch nach den diesjährigen Landtagswahlen besonders Sorgen? Viele erleben unser Land gerade als festgefahren und wenig erneuerungsfähig. Das untergräbt auch das Vertrauen in die repräsentative Demokratie. Immer mehr Menschen fühlen sich nicht mehr gehört, egal, wo sie politisch stehen. Trotzdem bleibt der Wunsch nach Zusammenhalt und Veränderung: Hinter Kritik und Rückzug steht oft Hoffnung, nicht Resignation. Es geht meist um die Frage, wie Entwicklungen gerecht, zukunftsorientiert und glaubwürdig gestaltet werden. Darin liegt für mich eine Chance für alle, die politisch und gesellschaftlich Verantwortung tragen.
Wie reagiert Ihr darauf in Euren Projekten? Wir erkunden gerade die Rolle von Unternehmen für den sozialen Zusammenhalt. Wie können Unternehmen in Deutschland das Zu- und Vertrauen der Menschen stärken? Dazu bieten wir im Herbst ein Webinar und einen Workshop für Unternehmen an. Im November erscheint dann unsere neue Grundlagenstudie zur deutschen Gesellschaft. Dafür hat unser Forschungsteam mehr als 6.000 Menschen befragt und stundenlang in 15 Fokusgruppen zugehört, wie sie Deutschland, ihre Mitmenschen und ihre eigene Rolle erleben.
Was passiert mit den Ergebnissen? Sie fließen direkt in die Arbeit unserer Partner ein, etwa in Begegnungsangebote oder Bürgerdialoge, in die Arbeit von Initiativen im Bereich Klima, Migration oder Demokratie sowie in die Programmarbeit von Stiftungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Wie schon im Rahmen unserer Vorgängerstudie von 2019 wird es zu unserem Befund der neuen "gesellschaftlichen Typen" Webinare, Trainingsangebote und Arbeitsmaterialien geben.
Was sollte man jetzt unbedingt lesen oder hören? Ich empfehle den Roman Trost von Angelika Klüssendorf, gibt es auch als Hörbuch in der ARD Audiothek. Er spielt in Berlin und Brandenburg vor dem Hintergrund von Pandemie und Ukraine-Krieg. Meist mache ich um solche lebensnahen Stoffe einen Bogen, weil sie meiner täglichen Arbeit zu nah kommen. Aber hier haben mich die wechselnden Perspektiven, die leisen Emotionen und der dabei lakonische Ton sehr berührt.
Wenn es darum geht, die Gefahren durch Big Tech, Social Media oder digitalisierte Desinformation sichtbar zu machen, sind die Publix Residents von Tactical Tech eine der ersten Adressen in Europa. Auf ihrer Plattform "Exposing the Invisible" versammeln sie Videos, Texte und Podcasts über verschiedene Formen des kritischen Investigativjournalismus. Ganz neu: Ergebnisse einer Masterclass zu klimapolitischer Desinformation, u.a. mit Eliot Higgins (Gründer von Bellingcat), Miguel Pinheiro (Dokumentarfilmer) und Stephanie Hankey (Mitgründerin von Tactical Tech).
Wir brauchen einen Journalismus, der digitale Entwicklungen kritisch begleitet und ihre Chancen und Risiken gut verständlich aufbereitet. Diese Kompetenzen fördert das Publix Tech-Journalismus-Fellowship. Ab Februar 2027 widmet sich der zweite Jahrgang dem
Schwerpunktthema "Digitale Souveränität Europas". Freiberufliche und angestellte Journalist:innen können sich ab Oktober bewerben.
Wir wollen unsere Nachbar:innen kennenlernen und besuchen die Redaktion von Arts of the Working Class an der Schillerpromenade. Die Kunsthistorikerin María Inés Plaza Lazo hat das Magazin vor acht Jahren gemeinsam mit Paul Sochacki und Alina Kollar gegründet. Die Straßenzeitung wird von Menschen verkauft, die den gesamten Erlös behalten.
Was beschäftigt Dich gerade?
Die Stadt ist unfassbar dreckig, und die Leute sind unter Druck. Es gibt seit Monaten keine wirtschaftliche Entlastung. Das spürt man. Obdachlosigkeit nimmt zu. Mich beschäftigen die Geschichten dahinter. Im Vergleich zu anderen Städten fällt auf, wie wenig hier passiert. Es ist zu wenig Geld da. Uns wird manchmal vorgeworfen, unser Vertrieb sei keine Lösung für Suchterkrankungen. Aber wir schauen auf die Autonomie der Menschen. Es landen ja nicht nur Leute durch Sucht auf der Straße, sondern auch durch Migrationsgeschichten. Ganze Familien holen die Zeitung ab, die weder Deutsch noch Englisch sprechen und auf einen legalen Aufenthaltsstatus warten. Wir befinden uns in einer neuen Weltordnung, in der die Koordinaten neu bestimmt werden müssen: Welche Verbindungen zwischen Kunst und Gesellschaft, Reichtum und Armut wollen wir da setzen?
Wie informierst Du Dich über Neukölln und die Welt?
Ich höre mehr Radio als je zuvor. Viel Deutschlandfunk, auch wenn ich kritisch sehe, wie schmal das oft bleibt. Und es gibt Refuge Worldwide, hier aus Neukölln, mit Gesprächen und Perspektiven auf globale Migration, auch über Musik. Ich lese auch gern den Newsletter On Art. Das ist eine Kulturpresseschau aus allen möglichen Zeitungen und Zeitschriften. Ich lese bewusst auch konservative Stimmen, beispielsweise die FAZ.
Was ist Dein Lieblingsort in Neukölln?
Unser Office. Es ist auch ein Ort für andere. Zuletzt gab es eine wunderschöne Ausstellung von Miguel Angel Espinoza und Marina Merkulova, die im Rahmen von 48 Stunden Neukölln entstanden ist. Im Dezember hosten wir eine Ausstellung von Nata Togliatti. Wer uns schreibt, kann den Raum mit uns teilen, wenn sich die Interessen verbinden lassen. Und draußen steht die rote Box, wetterfest, rot wie unsere sozialistische Neigung. Da kann jeder Mensch die Zeitung abholen, egal um wie viel Uhr.